100 Jahre bei Wacker – im Salzbergwerk Stetten trifft Tradition auf Hightech
(05.12.2024)
Wacker-Werk Burghausen verarbeitet jährlich rund 80.000 Tonnen Salz – Daraus gewonnenes Chlor unverzichtbar für Produktion von hochreinem Polysilicium
Burghausen. Nach China, den USA und Indien lag Deutschland 2023 weltweit auf Platz 4 der Salz produzierenden Länder. 15 Millionen Tonnen wurden hergestellt, davon sechs Millionen Tonnen Steinsalz. Jede zwölfte Tonne Steinsalz kam aus Stetten in Baden-Württemberg. Vor rund 240 Millionen Jahren war das Hügelland rund um Haigerloch von einem Binnenmeer bedeckt, das im Lauf der Jahrmillionen verdunstete. Übrig blieben mehrere Meter mächtige Salzablagerungen Heute profitieren davon nicht nur Verkehrsteilnehmer, sondern insbesondere auch Hightech-Anwendungen bis hin zu Künstlicher Intelligenz – und damit auch die Wacker Chemie AG.
Für das Chemieunternehmen mit weltweit mehr als 16.000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von über sechs Milliarden Euro ist Steinsalz nicht nur wichtig, sondern unersetzbar. Nicht als Speise-, sondern als Industriesalz. Das sind raffinierte Salze, die zu 100 Prozent aus Natriumchlorid bestehen. Und Chlor benötigt Wacker in einer grundlegenden Reaktion, der sogenannten Chloralkalielektrolyse.
Das Werk Burghausen verarbeitet jährlich rund 80.000 Tonnen Salz. Das daraus gewonnene Chlor ist unverzichtbar, nicht zuletzt bei der Produktion von hochreinem Polysilicium. Und das ist der Grundstoff sowohl für Solarmodule als auch für Halbleiter. Rechnerisch steckt in fast jedem zweiten Mikrochip weltweit Polysilicium von Wacker und damit in übertragenem Sinn auch Salz aus Stetten. Schon zu Beginn seiner Chlorproduktion Anfang der 1920er Jahre benötigte das erst wenige Jahre alte Wacker-Werk Burghausen eine große Menge an Industriesalz. Aus diesem Grund pachtete WACKER 1924, also vor 100 Jahren, das Salzbergwerk Stetten bei Haigerloch.
Das Salzbergwerk, das circa 80 Kilometer südlich von Stuttgart liegt, bestand zu dieser Zeit schon seit 70 Jahren. Der Stettener Salzabbau begann 1857, ab 1875 erfolgte der Abbau durch Bohren und Sprengen. Arbeiter bohrten dabei die Löcher per Hand, befüllten sie mit körnigem Schwarzpulver und zündeten die Sprengladung. Ab 1924, zeitgleich mit der Wacker-Pacht, erleichterten elektrische Bohrmaschinen die Arbeit der Bergleute deutlich. Heutzutage unterstützen Maschinen bei allen Abbauarbeiten untertage. Die Gewinnung durch Bohren und Sprengen gibt es noch, seit 2018 wird Salz jedoch zusätzlich mittels der sogenannten schneidenden Gewinnung abgebaut. Dabei arbeitet sich die Maschine mithilfe von Fräsköpfen durch die Lagerstätte. Die komplette Aufbereitung des Rohsalzes findet ebenfalls untertage statt.
Das Bergwerk Stetten fördert jährlich rund 500.000 Tonnen Salz. Dabei wird zum einen das für Wacker unverzichtbare Chemiesalz produziert, das in der Regel zweimal wöchentlich per Zug nach Burghausen transportiert wird. Dazu kommen Sole und Auftausalz, wobei das Auftausalz den mengenmäßig größten Anteil an der Stettener Produktion ausmacht. Gerade im Landkreis Altötting und der umliegenden Region sorgt es im Winter für Sicherheit auf eisglatten Straßen. Speise- und Viehsalz gehören hingegen nicht mehr zur Stettener Produktpalette.
Zu Beginn der Abbauarbeiten Ende des 19. Jahrhunderts transportierten die Bergmänner das gewonnene Salz noch per Hand. Später halfen Förderwägen, die die Bergleute durch den Schacht schoben. Die Strecken wurden aber immer weiter und länger, weshalb ab 1875 Pferde beim Transport unterstützten. Ihre Stallungen waren ebenfalls untertage in der Nähe des Schachtes untergebracht. Anfang der 1930er Jahre ersetzten Elektroloks die Pferde. Heute findet sich im Bergwerk jede Menge Technik: 15 Kilometer Bandanlagen, 84 Förderbänder und 120 Fahrzeuge bringen das Salz von A nach B. Über den 2008 in Betrieb gegangenen Clara-Stollen können auch Lkw direkt ins Bergwerk einfahren.
Bis Mitte der 1880er Jahre arbeiteten in Stetten durchschnittlich 30 bis 40 Mann, davon rund ein Drittel untertage. Nach einem Rückgang in den 1920er Jahren erholte sich die Mitarbeiterzahl nach der Übernahme durch die Wacker Chemie wieder. Mittlerweile sind fast 70 Mitarbeitende beschäftigt, einige davon bereits in der dritten Generation.
Ein Thema, das im Stettener Salzbergwerk großgeschrieben wird, ist die Sicherheit der Bergleute. Schon in frühen Jahren gab es eine Grubenwehr. Einhundert Jahre später ist darin rund ein Drittel der Belegschaft organisiert. Die Grubenwehr übernimmt untertage ähnliche Aufgaben wahr wie übertage Feuerwehr und Rettungsdienst.
Zwar gehört das Salzbergwerk Stetten bei Haigerloch mit seinen knapp 70 Beschäftigten mitarbeitertechnisch zu den kleinsten Standorten der Wacker Chemie AG, flächenmäßig ist es mit zwölf Quadratkilometern jedoch der mit Abstand größte des Chemiekonzerns. Zum Vergleich: Das Werk Burghausen kommt auf rund ein Fünftel der Stettener Fläche - freilich mit dem Unterschied, dass sich das Stettener “Werkgelände” fast ausschließlich untertage erstreckt.
Trotz aller Moderne spielt gerade im Bergbau Tradition eine große Rolle. So gehört in Stetten beispielsweise die Heilige Barbara zum tagtäglichen Bild. Nicht nur im Freien, auch untertage weisen Figuren der Schutzheiligen der Bergleute auf die Verbundenheit und den erhofften Schutz hin. Zu ihren Ehren findet jährlich eine Feier rund um den Barbara-Tag am 4. Dezember statt. Somit bleibt im Salzbergwerk Stetten beides gewahrt, Historie auf der einen Seite und – über die Einsatzgebiete des Salzes – Hightech auf der anderen.
Unternehmenskurzprofil:
Wacker ist ein global tätiges Unternehmen mit hoch entwickelten chemischen Spezialprodukten, die sich in unzähligen Dingen des täglichen Lebens wiederfinden. Die Bandbreite der Anwendungen reicht vom Fliesenkleber bis zum Computerchip. Das Unternehmen verfügt weltweit über 27 Produktionsstätten, 22 technische Kompetenzzentren und 48 Vertriebsbüros. Mit rund 16.400 Beschäftigten hat WACKER im Geschäftsjahr 2023 einen Jahresumsatz von rund 6,4 Mrd. € erwirtschaftet.
Wacker arbeitet in vier operativen Geschäftsbereichen. Die Chemiebereiche SILICONES und POLYMERS bedienen mit ihren Produkten (Silicone, polymere Bindemittel) die Automobil-, Bau-, Chemie-, Konsumgüter- und Medizintechnik-industrie. Der Life-Science-Bereich BIOSOLUTIONS ist auf biotechnologisch hergestellte Produkte wie Biopharmazeutika und Lebensmittelzusatzstoffe spezialisiert. Der Bereich POLYSILICON stellt hochreines Polysilicium für die Halbleiter- und Photovoltaikindustrie her.
Das Werkgelände des Salzbergwerks Stetten bei Haigerloch umfasst übertage eine Fläche von 7,8 Hektar und ist damit etwa so groß wie elf Fußballfelder.